Die frühere Familienministerin und jetzige Vorsitzende des Dachverbands der Senioren-Organisationen BAGSO, Ursula Lehr, unterstützt die Initiative von Bundesministerin Kristina Schröder ausdrücklich. „Es geht nicht um eine Korrektur der Pflegeversicherung, sondern um die Vereinbarkeit der häuslichen Pflege mit der Berufstätigkeit der Pflegenden. Diese Frage ist wichtig, denn wir wissen aus Studien, dass sich, wer nicht nur zu Hause bleibt, mit der Pflege leichter tut. Mit einer Freistellung allein ist es daher nicht getan.“
Die Diskussion darüber, was wir besser machen können, von Seiten der Politik, aber auch von Seiten der Unternehmen, hält die Alternsforscherin für überfällig. „Wenn Sie als berufstätige Frau Kinder haben, dann fragen die Kollegen jeden Tag danach. Betreuen Sie einen Angehörigen, ist das häufig ein Tabu am Arbeitsplatz. Für die Betroffenen ist ein offenerer Umgang mit dem Thema wichtig.“
Vor allem die Unternehmen sieht Lehr in der Pflicht. Von flexiblen Arbeitszeitmodellen, die über den vorgeschlagenen gesetzlichen Rahmen hinausgehen können, bis hin zu praktischen Unterstützungsangeboten, sei vieles möglich und sinnvoll, um Arbeitsplätze auf die Notwendigkeiten einer alternden Gesellschaft einzustellen. „Es macht überhaupt keinen Sinn, nur an betriebliche Kindertagesstätten zu denken. Von Unternehmen getragene oder geförderte Tagespflegeangebote sind mindestens ebenso wichtig. Bereits heute dürfte die Zahl berufstätiger Frauen, die ältere Angehörige betreuen, die Zahl berufstätiger Frauen mit Kindern unter sechs Jahren übersteigen“, so die Einschätzung der BAGSO-Vorsitzenden.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) vertritt über die ihre 101Mitgliedsverbände rund 13 Mio. ältere Menschen in Deutschland.
Nur sechs Wochen nach ihrer Ernennung empfing Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Köhler die BAGSO-Vorsitzende Prof. Dr. Ursula Lehr, die das Ministeramt von 1988 bis 1991 innehatte. Damit zeigte die neue Ministerin, welchen Stellenwert sie dem Thema "Ältere Menschen" und dem Altern als Prozess auch innerhalb ihres Ressorts geben möchte.
Die Seniorenpolitik werde ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Amtszeit, so Kristina Köhler. Sie kündigte an, dass sie sich u. a. für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege einsetzen werde. Es müssten Arbeitszeitmodelle entwickelt werden, "die mehr möglich machen". Auch bei der Entwicklung von Strategien zur Umsetzung der Empfehlungen des im Herbst erscheinenden 6. Altenberichts suche das Ministerium einen intensiven Austausch mit der BAGSO und ihren 101 Mitgliedsverbänden, in denen rund 13 Mio. ältere Menschen organisiert sind.
Ursula Lehr wies darauf hin, dass sich die BAGSO stärker als bisher im Bereich der Patientenvertretung engagieren möchte. Die Ministerin begrüßte dies und sagte die Unterstützung ihres Hauses zu. Darüber hinaus wolle sie darauf hinwirken, dass bei Untersuchungen im Gesundheitsbereich, aber auch in anderen Themenfeldern die Altersgruppe 60plus differenzierter betrachtet werde. Aufgeschlossen war sie ebenfalls gegenüber Fragen eines seniorengerechten Wohnens und Wohnumfelds ("age friendly city").
Weitere Inhalte des Gesprächs, an dem auch die Staatssekretäre Dr. Hermann Kues und Josef Hecken sowie Ministerialdirektor Dieter Hackler als zuständiger Abteilungsleiter teilnahmen, waren die Durchsetzung des Grundsatzes "Reha vor Pflege" sowie die Einbeziehung der Seniorenorganisationen in die Vorbereitung und Durchführung der Europäischen Jahre zum freiwilligen Engagement (2011) sowie zum aktiven Alter und zur intergenerationellen Solidarität (2012).
Strategien zur nachhaltigen Sicherung zukünftiger Pflege- und Produktivitätspotenziale in einer alternden Gesellschaft in Europa stehen im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts an der TU Dortmund, für das Professorin Dr. Monika Reichert, Soziale Gerontologie mit dem Schwerpunkt Lebenslaufforschung an der Technischen Universität Dortmund jetzt eine Förderung in Höhe von 400.000 € von der Volkswagen Stiftung erhält.
In einer älter werdenden Gesellschaft sind immer mehr Menschen auf Betreuung und Hilfe angewiesen. Angehörige müssen die häusliche Pflege dabei häufig mit der eigenen Berufstätigkeit vereinbaren – eine oftmals schwierige und belastende Situation. Professorin Monika Reichert von der Technischen Universität Dortmund möchte mit ihren Kooperationspartnern aus Deutschland (Dr. Hanneli Döhner, Universität Hamburg, Prof. Dr. Gerhard Bäcker, Universität Duisburg-Essen) England (Dr. Andreas Hoff, Universität Oxford) Italien (Dr. Giovanni Lamura, Italienisches Zentrum für Alternsforschung, Ancona) und Polen (Dr. Jolanta Perek-Bialas, Universität Krakau) zeigen, dass eine konfliktarme Vereinbarung von Beruf und Pflege möglich ist, wenn sie von entsprechenden betrieblichen wie sozialpolitischen Maßnahmen flankiert wird. So kann nicht nur eine zukunftsgerichtete, nachhaltige Pflegeversorgung gesichert werden; auch Produktivitätspotenziale in Form hoch motivierter Arbeitskräfte lassen sich erschließen.
Zur Entwicklung solch neuer Konzepte, die eine bessere Koordination gewährleisten, sind nach Meinung des Forscherteams gemeinsame Anstrengungen aller beteiligten Akteure erforderlich – insbesondere der erwerbstätigen Pflegenden und der Arbeitgeber. Außerdem interessieren sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Blick auf mögliche „Best-practice“-Modelle für Erfahrungen, die in anderen Ländern bereits gemacht wurden. Daher möchten sie individuelle und betriebliche Vereinbarungsstrategien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Polen vergleichen.
Ergänzend wollen die Projektpartner Fachliteratur, Betriebsvereinbarungen und Tarifverträge auswerten. Leitfadeninterviews, die sie mit Betroffenen und betrieblichen Experten in den vier Ländern führen, runden diesen Teil der Arbeit ab. In Deutschland planen die Forscher zehn vertiefende Betriebsfallstudien in Unternehmen, die von den deutschen Projektbeteiligten schon 1995 untersucht wurden. An den geplanten Untersuchungen sind Psychologen, Gerontologen, Ökonomen, Soziologen und Medizinsoziologen beteiligt.